Urlaub alleine? Ja, bitte! – Teil 1 –

Im August war ich – zum ersten Mal in dieser Form – ganz alleine im Urlaub.

Was meine Beweggründe waren, meine Gedanken (ja, auch Zweifel) vor der Abreise und meine Gefühle während des Urlaubs, darüber will ich in diesem Artikel berichten.

Auch die etwas holprige Anreise ist Thema dieses Artikels. Alles Weitere gibt es dann in Teil 2.

Aber jetzt mal ehrlich: Alleine wegfahren… what’s wrong with you?

Warum fährt sie denn alleine in den Urlaub, fragen sich jetzt vielleicht manche? Stimmt irgendwas mit ihrer Beziehung nicht? Ist sie dermaßen unglücklich zu Hause, dass sie es nicht mehr aushält?

Vor solchen Fragen hatte ich im Vorfeld (auch während des Urlaubs und zugegebenermaßen danach immer noch) ziemliche Angst. Dabei ist da überhaupt nichts dran und ich hätte sie so einfach entkräften können. Wenn sie überhaupt irgendjemand gestellt hätte, was nicht einmal passiert ist. Irgendwie überrascht mich das immer noch… “Was sollen die anderen sagen?” ist eben eine Frage, die mich mein ganzes Leben lang geprägt hat.

Ja, scherzhaft habe ich im Vorfeld öfter mal gesagt, dass mein Freund und ich uns dann mal eine Woche “voneinander erholen” könnten. Genau das war es aber auch – ein Scherz. In Wahrheit war es nämlich ganz anders: Unsere Beziehung ist gerade auch in der letzten Zeit so gewachsen, und wir gemeinsam mit ihr, dass ich mich zu 100% sicher damit gefühlt habe. Ich wusste: ich vertraue ihm, er vertraut mir; er gönnt mir meine Auszeit genauso wie ich es ihm gönnen würde; wir respektieren, dass jeder von uns Zeit für sich braucht; und hätte es Bedenken gegeben, hätten wir diese ganz offen ansprechen und beseitigen können, so wie wir das mittlerweile mit allen Themen ganz gut schaffen, die so auftauchen.

Du machst doch jetzt schon seit einem halben Jahr nichts, du brauchst doch gar keinen Urlaub mehr?!

Auch das hat mich im Vorfeld ziemlich beschäftigt.

Und dabei ist mir aufgefallen: Es ist ja keineswegs so, dass ich seit einem halben Jahr nichts gemacht habe. Ich habe sogar sehr, sehr viel gearbeitet – nur eben auf eine andere Art und Weise, als es in unserer Gesellschaft so “normal” ist. Auch darüber werde ich noch ausführlich berichten.

Und doch war ich so in diesem Denken drin, dass ich ja gerade “nichts arbeite”, “nichts leiste”, dass ich selbst gar nicht gemerkt habe, wie anstrengend das eigentlich war. Mein Leben – ich – habe mich in den letzten Monaten ziemlich verändert. Irgendwie logisch, dass ich bei so viel Veränderung auch ab und zu mal eine Pause brauche, nicht?

Nicht umsonst besagt eine indianische Weisheit:

“Wir müssen von Zeit zu Zeit eine Rast einlegen und warten, bis unsere Seelen uns wieder eingeholt haben.”

Und hier kommt der zweite Grund für meine “Auszeit von der Auszeit” ins Spiel: Manchmal reicht es nicht mehr aus, sich kleine Pausen in der gewohnten Umgebung zu nehmen. Manchmal muss man (ich jedenfalls!) einfach mal raus, braucht einen richtigen Tapetenwechsel. Manchmal ist es dann nicht damit getan, mal für einen Tag wo hinzufahren. Manchmal darf es dann einfach mal eine ganze Woche woanders sein – oder eben so lange, wie sich gut anfühlt.

Und dann war da noch die Sache mit dem Selbstwert…

“Puh, ganz schön teuer, so eine ganze Woche im Wellnesshotel. Darf ich denn überhaupt so viel Geld nur für mich ausgeben?”, kamen trotz meiner Gewissheit, dass ich genau das brauchte, die Zweifel.

Doch zum Glück konnte ich die schnell wieder beseitigen und voller Selbstbewusstsein sagen: “Ja, ich darf! Und ich kann, und ich werde. Ich bin es mir wert.

Und wie ist das so, eine Woche ganz alleine ohne Plan?

Die Frage habe ich mir auch gestellt… Wie ging es mir also kurz vor meiner Abreise? Ich habe erstens meinen Freund schon vermisst, bevor es überhaupt losging (schön, oder?). Und zweitens hatte ich einen riesigen Respekt davor, wirklich alleine zu sein und keinen Plan für die nächsten Tage zu haben. Ich hatte Angst vor den Gedanken, Gefühlen, alten Geschichten, die vielleicht hochkommen würden, wenn ich nicht ständig beschäftigt, abgelenkt wäre. Und doch wusste ich, dass genau das gut tun würde. Mich nicht ständig abzulenken, sondern wirklich hinzuschauen, hinzufühlen und zuzulassen, was auch immer sich zeigen würde. Denn im Alltag gelingt einem das auch ohne einen “normalen” Job erfahrungsgemäß nicht immer besonders gut.

Genau aus dem Grund hatte ich mir ein ruhiges Hotel ausgesucht, in einem kleinen Örtchen im Schwarzwald, wo es nicht viel zu tun oder zu sehen gibt außer wunderschöner Natur. Keine Touristenattraktionen, keine Menschenmassen. Einfach Ruhe und Nichts-zu-tun-Haben. Also wirklich überhaupt nichts: Ich hatte die “Verwöhnpension” gebucht und musste mir noch nicht mal um mein Essen Gedanken machen. Meine größte Sorge sollte so ungefähr sein, ob ich lieber ein Schläfchen machen oder saunieren sollte.

Ob und wie das so geklappt hat (Spoileralarm: so lala)? Davor berichte ich erstmal noch von meiner etwas holprigen Anreise.

An einem regnerischen Sonntagnachmittag Anfang August 2020 sollte ich also vom Karlsruher Hauptbahnhof in ca. 2 Stunden in den schönen Schwarzwald fahren und eine Woche nichts tun.

Holprige Anreise

Bahnreisen in Zeiten von Corona

Richtig – sollte. Schon bei der Anreise wurde meine Geduld nämlich auf die Probe gestellt.

Gerade in Freiburg in die S-Bahn umgestiegen, kam die Durchsage, dass aufgrund eines Personenschadens die Fahrt irgendwo in der Pampa enden würde. Wo genau, wusste der Zugführer noch nicht so genau, versprach uns aber, uns auf dem Laufenden zu halten.

Also gut, Kopfhörer auf, um das nervige, penetrante Gepiepse der sich öffnenden und schließenden Bahntüren zu dämpfen, und abwarten. Ich hatte ja Zeit.

Etwas verspätet ging es los und im Laufe der Fahrt wurde uns mitgeteilt: Die Fahrt endet in – kein Scherz – Himmelreich!

Gestrandet in Himmelreich

Da stand ich nun, am Bahnhof Himmelreich (Ich find den Namen immer noch herrlich!), und wartete auf den Schienenersatzverkehr oder weitere Infos. Und ich war keineswegs die Einzige: So viele Menschen hatte der kleine Bahnhof vermutlich noch nie gesehen 😉

Zwischendurch rief ich mal im Hotel an, mit der vagen Aussage, dass ich noch nicht sagen könne, wann ich ankommen würde und man mich am Bahnhof abholen könne (ein toller, kostenloser Service des Hotels übrigens!). Die Leute um mich herum wurden langsam genervter, die Gespräche drehten sich im Kreis: Immer dasselbe mit der Deutschen Bahn, keine Info hier, es regnet. “Alles scheiße, deine Emma.”

Daraus machte ich mir nichts, denn mich über Verspätungen o.ä. der Bahn aufzuregen, hatte ich schon lange aufgegeben. Bringt weder die Bahn schneller zu mir, noch hebt es meine Stimmung, also lass ich’s doch lieber gleich. Noch dazu weiß man ja, was “Personenschaden” bedeutet, und das ist sicher für keinen der Beteiligten lustig. Gleiches gilt für den Regen: Kann ich nicht ändern, also wieso mich aufregen? Ich war allerdings sehr froh, spontan doch noch meine Regenjacke eingepackt zu haben!

Irgendwann kam dann mal der lange angekündigte Schienenersatzverkehr. Ein Bus (du weißt schon, so ein ganz normaler Linienbus, Fassungsvermögen ca. 50 Personen sitzend) für locker doppelt bis dreimal so viele Menschen. So viel sei gesagt: Der Bus war vollgestopft bis auf den letzten nicht vorhandenen Stehplatz – mich würde es kaum wundern, wenn es sich der eine oder die andere in die Gepäckablagen gemütlich gemacht hätte… Wer weiß, wie lange dieser Artikel online sein wird und zu welchem Zeitpunkt DU ihn gerade liest, daher an dieser Stelle der Hinweis: Ich berichte aus dem Jahr 2020. August 2020. Mitten in der globalen Pandemie. Corona. Maskenpflicht und Abstandsregelung. Gefühlt 80 Leute in einem 50-Personen-Bus. Klingt irgendwie widersprüchlich? Find ich auch.

Ich zog es jedenfalls vor, das Ganze mit einem Kopfschütteln zu quittieren und am Bahnhof weiter zu warten. Der Bus würde ja schließlich zurückkommen und die Bahnen auch irgendwann wieder fahren. Andere sahen das nicht so locker, aber auch hier wieder: Ich kann’s nicht ändern, also nehm ich’s eben, wie’s kommt.

Ein ganz normaler Sonntagnachmittag im Leben einer Bahnangestellten

In der Zwischenzeit waren zwei Bahnangestellte aus einer der nicht-weiterfahren-könnenden Bahnen ausgestiegen, ihnen kam wohl die zweifelhafte Ehre zuteil, die wartenden Bahnreisenden zu informieren / bei Laune zu halten / zu beschwichtigen.

Und an dieser Stelle möchte ich, ganz egal, wie gering die Wahrscheinlichkeit auch sein mag, dass sie das jemals mitbekommt, nochmal meinen großen Respekt, Dank und ein fettes Lob an die Bahnangestellte aussprechen, für ihre Reaktion in folgender Situation, deren Zeugin ich am Rande wurde:

Ein älterer Mann geht, wahrscheinlich schon mit zusammengekniffenen Augenbrauen die junge Frau im Visier und forschen Schrittes (ich hab ihn nicht gesehen, aber für meine Schilderung male ich das mal entsprechend aus), auf die beiden Bahnangestellten zu und lässt mal richtig schön seinen Frust bei ihr (!) ab. Argumente so ungefähr siehe oben: Kann doch alles nicht sein, was ist das hier für ein Saftladen, ich steh jetzt hier schon eine Stunde, hab doch schließlich dafür bezahlt, was könnt ihr eigentlich, und überhaupt in was für einem Land leben wir denn, dass man ständig irgendwo in der Pampa steht und keiner einem sagt wie’s weitergeht. Und dann regnet es auch noch! Mitten im Sommer! Unverschämtheit.

Die junge Frau hörte sich das Ganze eine Weile an, versuchte ihn zu besänftigen, möglicherweise schaltete sich auch ihr Kollege zwischendurch mal kurz ein, wurde dann aber wieder abgelenkt. Hans-Jürgen* (*Name frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten zu realen Personen sind nicht beabsichtigt und bitte ich zu entschuldigen) ließ sich das aber nicht gefallen und quengelte immer weiter: “Da hört für mich der Spaß auf!“

Da bekam er seinen wohlverdienten Rüffel von der Bahnangestellten, mit den ungefähren Worten: “Wissen Sie, WO der Spaß aufhört? Es gab einen Unfall! Es ist jemand gestorben – DA hört für mich der Spaß auf!“

Er versuchte dann wohl noch weiter zu diskutieren und seine Überlegenheit, sein Rechthaben zu beweisen und sagte sowas wie: “Sie als junge Frau müssten es doch besser wissen.“ Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Was soll das denn überhaupt bedeuten?

Jedenfalls erwiderte sie darauf: “Nein, Sie als älterer Herr müssten es besser wissen.“ Heldin des Tages!!!

Denn daraufhin trollte sich Hans-Jürgen etwas eingeschüchtert, noch nach Bestätigung suchend in die Menge schauend (während er seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen vermutlich sowas dachte wie: “Typisch Frau, hat ihre Gefühle wieder mal nicht unter Kontrolle! Komm du erst mal in mein Alter, Mädchen…“).

Bestätigung wofür eigentlich genau? Wieso glaubte er, im Recht zu sein? Weil er der Ältere war? Weil er ein Mann war?

Mein Gerechtigkeitssinn schlug jedenfalls sowas von Alarm aufgrund seines Auftretens. Ich bin froh, dass meine Augen mittlerweile wieder ihren Weg zurück in ihre normale Position gefunden haben, so sehr musste ich mit den Augen rollen…

Wie so oft war ich in der Situation selbst wie gelähmt vor Ungläubigkeit, und bin der Bahnangestellten nicht zur Seite geeilt. Eine ältere Dame hatte das schon getan – meine zweite Heldin des Tages. Ich fasste dann aber doch noch meinen Mut zusammen, ging zu meiner Heldin Nr. 1 hin, fragte sie, wie es ihr jetzt ginge, sagte ihr, dass sie das sehr gut gemacht hatte und bedankte mich bei ihr.

Und in der Zwischenzeit wurde auch schon die frohe Botschaft verkündet, dass die nächste Bahn wieder weiterfahren und alle Stationen bedienen würde.

Juhu!

Ich hatte es fast (aber auch nur fast) geschafft, das Ziel war schon zum Greifen nah.

Und da ich finde, dass das ein super Cliffhanger ist, gibt’s alles Weitere im nächsten Artikel. 🙂

5 Gedanken zu „Urlaub alleine? Ja, bitte! – Teil 1 –“

  1. Das ist eine wunderbare Verwandlung, liebe Eli, es freut mich sehr das Du so mutig bist.
    Viel Erfolg weiterhin.
    Ich finde Dich klasse.
    Herzliche Grüße
    Christiane

  2. Pingback: Urlaub alleine? Ja, bitte! – Teil 2 – – Wunderland Coaching

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