„Wie geht’s dir?“ – mein großes Problem mit einer kleinen Frage

In den letzten Monaten – eigentlich sogar Jahren – gab es folgende Situation immer wieder:
Ein Mensch, der mir wichtig ist, hat Geburtstag. Ich schreibe eine Nachricht mit Glückwünschen. Der Mensch freut sich und antwortet. Da wir uns schon länger nicht mehr gesehen haben, fragt er oder sie, wie es mir geht.

Und dann Funkstille. Ich bringe es einfach nicht fertig, zu antworten. Ein Tag vergeht, zwei Tage, schließlich eine Woche und dann sind es plötzlich schon Monate.

Wenn DU zu diesen Menschen gehörst, dann ist dieser Artikel für dich. Und wenn es dir ähnlich geht, wenn du quasi mitten im (virtuellen) Gespräch einfach keine Energie mehr hast, zu antworten, dann auch.

Was antwortet man auf die Frage?

So vielen lieben Menschen habe ich in der letzten Zeit nicht geantwortet. Bei vielen habe ich mich so lange gar nicht gemeldet.

Warum?

Weil ich nicht konnte. Ich konnte die Frage „Wie geht’s dir?“ nicht so einfach beantworten.

Weil die Antwort nicht „Danke, gut.“ gelautet hätte.

Tief in mir ist es irgendwie verankert, dass man diese Frage nicht mit allem, was gerade nicht so gut läuft, beantwortet. Man will ja nicht nörgeln oder sich beschweren. Man will ja den anderen nicht runterziehen oder gar zur Last fallen. Das macht man nicht.

Ich glaube, dass ganz viele Menschen so geprägt sind. Ich beobachte jedenfalls ziemlich oft, dass aus der Frage „Wie geht’s dir?“ eigentlich kein richtiges Gespräch entsteht. Die Antwort fällt meistens ziemlich knapp aus („Gut, und dir?“ – „Danke, auch gut.“ oder „Muss ja.“ oder „Passt schon.“) und dann bewegt man sich zu anderen Themen weiter. Und zwar zu Themen, die weniger „gefährlich“ sind, einfacher, oft weniger persönlich. Darüber kann man dann wieder stundenlang sprechen.

Ich spreche hier nicht vom klassischen Small Talk. Es können schon auch Themen sein, die einen wirklich beschäftigen. Nur sind es meistens angenehme Themen. Themen, bei denen nicht die Gefahr besteht, beim Gesprächspartner anzuecken zum Beispiel – unverfängliche Themen. Wie oft machen wir uns denn wirklich emotional „nackig“ vor der anderen Person, sprechen über etwas, was uns hellauf begeistert, zutiefst erschüttert oder rasend wütend macht?

Das war die eine Seite.

Herzenswünsche und das ewige Abwägen

Es ist doch wirklich ein bisschen so wie in der Serie „Lucifer“: Wenn er jemanden fragt, „Was wünschst du dir wirklich?“, dann kommen doch meistens die abgefahrensten Sachen raus, die niemand jemals von der Person gedacht hätte. Warum? Weil wir es uns nicht mal selbst erlauben, unseren Herzen zu folgen und zu tun, was wir wirklich wollen. Geschweige denn, dass wir uns je trauen würden, darüber zu sprechen – jedenfalls, wenn es nicht dem entspricht, was wir als „gesellschaftliche Norm“ ansehen. So gesehen muss man zunächst mal ganz ehrlich mit sich selbst sein, um dann das neu Entdeckte nach draußen zu tragen.

Doch selbst, wenn ich so etwas hatte, was „rauswollte“, kam für mich dann meistens erstmal ein Abwägen, was ich der anderen Person, unserer Beziehung zumuten konnte, wie viel echte Emotion meinerseits sie vertragen würde. Denn mit so ziemlich allem, was mich wirklich beschäftigte, hatte ich grundsätzlich das Gefühl, „anders“ zu sein, irgendwie nicht „normal“. Manchmal kamen mir meine Wünsche sogar abwegig vor, wie totale Spinnereien, und ich hatte solche Angst davor, deswegen abgewertet, nicht geliebt, womöglich sogar verlassen zu werden, dass ich mich eben doch nicht traute, ihnen nachzugehen oder auch nur mal so richtig darüber zu sprechen.

Ich weiß gar nicht mehr, ob das schon immer so war. Was ich weiß, ist, dass es einfach einfacher ist, über angenehme Themen zu sprechen. Vielleicht war das schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mir überhaupt erst in den letzten Monaten der Anstrengungen bewusst wurde, die ich zum Umschiffen unangenehmer Themen veranstaltete. Denn obwohl es vermeintlich einfach ist, unangenehme Themen zu vermeiden, kostete es unheimlich viel Energie.

Jedenfalls war mir das nicht mehr genug. Nachdem ich endlich ehrlich zu mir selbst wurde, wollte ich auch endlich wirklich tiefe Gespräche führen, wollte mich ganz öffnen. Ich wollte meine wahren Gefühle, mein wahres Wesen ausdrücken, das bis dahin eher nur durchschien, anstatt in voller Kraft zu strahlen.

Aber ich konnte nicht. Damit hätte ich ja schließlich anecken, jemandem zur Last fallen, womöglich sogar jemanden verletzen können. Und das macht man nicht. Oder ich hätte selbst verletzt werden können – logisch, dass ich das tunlichst zu vermeiden versuchte.

Jetzt bin ich dran!

Und das war die andere Seite: Ich musste mich endlich mal um mich selbst kümmern.

So lange hatte ich so viel Energie darauf verwendet, abzuwägen, was jetzt wohl angebracht wäre. Was jetzt von mir erwartet würde, was meine Eltern, meine Freunde, die Bäckereifachverkäuferin oder der Mann, dem ich am drölften Februar 1987 in der Straßenbahn begegnet bin, von mir denken könnte. Wen habe ich dabei meistens nicht gefragt? Für wen war keine Energie mehr übrig? Wessen Meinung, wessen Wünsche, wessen Bedürfnisse wurden hinten angestellt, irgendwo in einer dunklen Ecke abgeladen? Richtig, meine.

Bis sie sich dann ihren Weg bahnten und immer unübersehbarer vor mir standen. Da erkannte ich dann endlich, dass kein Weg mehr daran vorbeiging. Also, es wäre da schon noch ein Weg an ihnen vorbeigegangen, aber der hätte dann in einem großen Unglück geendet, wie mir meine Intuition, meine Seele, mein ganzer Körper unmissverständlich klarmachten.

Also ging ich im wahrsten Sinne des Wortes in mich. Ich brachte meinen Körper und meinen Geist zur Ruhe (bei meinem Geist war das wesentlich schwieriger, der ist eigentlich immer aktiv…) und ging endlich in die Zwiesprache mit meiner Seele. Ich wollte sie nicht mehr ignorieren, sie nicht mehr zwingen, mich so anzuschreien, damit ich ihr auch nur ein Minimum an Aufmerksamkeit schenkte. Zuerst konnte ich sie nur ganz leise hören, und deshalb zog ich mich von anderen Gesprächen zurück, die sich nicht um die Themen drehten, die für mich gerade relevant waren.

Ich konnte und wollte meine Energie nicht mehr dafür aufwenden, abzuwägen, was ich „sagen konnte“ und was nicht. Ich konnte und wollte meinen alten Glaubenssätzen nicht mehr nachgeben. Ich wollte endlich zu 100% authentisch sein und über die Dinge sprechen, die mich wirklich interessierten und beschäftigten. Und jetzt kommt das große ABER: denn zu diesem Zeitpunkt konnte ich mich noch nicht der Möglichkeit stellen, dass eben diese Dinge nicht notwendigerweise jene sein mussten, die die Menschen in meinem Umfeld interessierten. Meine Energie und meine Aufmerksamkeit wurden an ganz anderer Stelle gebraucht. Also zog ich mich zurück, widmete mich mir selbst und der Aussprache mit meiner Seele und fing nur ganz langsam an, mich zu öffnen, Schritt für Schritt.

Die Gelegenheiten in den letzten Monaten, zu denen ich mich mal wirklich stundenlang mit jemandem unterhalten habe, kann ich an meinen beiden Händen abzählen. Durchschnittlich ein langes Gespräch pro Monat. Die Personen, mit denen ich solche Gespräche geführt habe, gehörten zu meinen engsten Vertrauten: meine Mutter, einmal mein Vater, ein, zwei meiner engsten Freundinnen. (Gespräche mit meinem Freund und meiner Therapeutin zähle ich hier nicht mit.)

Dann gab es natürlich auch noch ein paar Skype-Gruppen-Dates, die dieses Jahr nicht fehlen durften 🙂 Die habe ich auch sehr genossen, gehören für mich aber nicht zu den richtig tiefen Gesprächen.

Und weißt du was?

Mit den wenigen, tiefen Gesprächen war ich schon am Limit.

Schuldgefühle

Und obwohl mir sehr bewusst war, dass ich für mehr Gespräche überhaupt keine Energie gehabt hätte, hatte ich quasi permanent ein furchtbar schlechtes Gewissen.

Es gibt so viele Menschen in meinem Leben, die mir wichtig sind. Menschen, die mich einen Teil des Weges begleitet haben. Menschen aus der Schulzeit, aus meinem Bachelorstudium, aus zwei Auslandsaufenthalten, aus dem Masterstudium, meiner WG, meinem ersten Job, zahlreichen Nebenjobs. Wo ich auch war, in welcher Lebensphase, auf welchem Kontinent, ich habe es immer geschafft, großartige Menschen kennenzulernen. Alle davon haben einen Platz in meinem Herzen sicher. Und es tut verdammt weh, nur noch so wenig Kontakt zu haben. Wichtige Lebensereignisse zu verpassen, Kinder nicht aufwachsen zu sehen, in schwierigen Zeiten nicht für sie da zu sein, Erfolge nicht zusammen zu feiern.

Eine ganze Zeit lang quälte mich dieser Umstand. Ständig dachte ich „ich muss mich mal wieder bei XY melden“ oder „es darf nicht sein, dass wir so wenig Kontakt haben“.
Eine Standardaussage von mir in dieser Zeit war außerdem: „Ich bin so eine treulose Tomate 🙁 “ und Gespräche mit Freund*innen fingen grundsätzlich an mit „Tut mir leid, dass ich mich jetzt erst wieder melde.“

Vielleicht fällt es dir beim Lesen auch auf: Alleine die Formulierungen „ich muss…“ und „es (oder auch ich) darf nicht…“ bauen einen immensen Druck auf. Tatsächlich fühlte es sich dann auch öfter mal so an, dass ich mich bei jemandem gemeldet habe, weil ich es musste, weil ich es ihm oder ihr „schuldig war“ – und weniger, weil ich es wollte. Natürlich muss ich erstmal gar nix und natürlich wollte ich Kontakt mit lieben Menschen haben. Aber meine eigene Anspruchshaltung in Kombination mit den (von mir projizierten) Erwartungen der anderen führte dazu, dass dieser Druck auf mir lastete. Und dazu, dass ich das Gefühl hatte, mich ständig entschuldigen zu müssen.

Und dann fiel mir irgendwann auf: Ich war gar nicht die Einzige, die sich ständig entschuldigte. Nicht nur ich startete die Gespräche mit „Tut mir leid, dass ich mich jetzt erst melde“, sondern auch viele meiner Freund*innen.

Was auf der Strecke bleibt

Da wurde mir klar, dass es gar nicht notwendig war, sich zu entschuldigen. Es ist nun mal so, dass jede*r sein oder ihr eigenes Leben führt. Wir alle haben Jobs, einen Alltag, Hobbies, vielleicht noch Ehrenämter und andere Engagements, etc. – kurz gesagt viele Dinge, die unsere Aufmerksamkeit brauchen. Menschen, die uns brauchen – Kinder, Partner*in, die engste Familie.

Und schließlich noch wir selbst. Wir brauchen uns, wir brauchen unsere Aufmerksamkeit. Wenn wir uns nicht um uns selbst kümmern, wie sollen wir uns dann dauerhaft und wahrhaftig um andere kümmern? Wenn wir nicht auf unsere Seele hören, was für ein Leben führen wir dann?

Meine Meinung ist: dann führen wir ein leeres Leben, egal mit wie vielen Dingen, Beschäftigungen und sogar lieben Menschen wir es füllen. Dann ist es nicht wirklich unser Leben. Und das fände ich, gelinde gesagt, sehr traurig.

Ich bin mir bewusst, dass nicht jeder Mensch auf dieser Welt, vielleicht noch nicht mal alle, die diesen Text lesen, meine Meinung teilen wird. Und auch das ist okay. Ich für meinen Teil habe jedenfalls entschieden, so nicht mehr weiterzumachen.

Mein Plädoyer fürs Nicht-Entschuldigen

Ich habe für mich entschieden, mich zur Priorität zu machen. Meiner Seele ganz genau zuzuhören, mich von meiner Intuition leiten zu lassen. Und seit ich den beiden Raum gebe, fühle ich mich so viel besser! Ich treffe keine halbherzigen Entscheidungen mehr. Ich melde mich nicht mehr bei Freund*innen, weil ich es muss, sondern weil ich es möchte und weil es sich gerade gut anfühlt. Ich tue überhaupt nur noch wenig, weil ich es muss, sondern eben weil ich es möchte und es sich gut anfühlt.

Ich habe für mich akzeptiert, dass ich nicht gleichzeitig mich und mein Wohlergehen und das in-Kontakt-Bleiben mit allen wichtigen Menschen in meinem Leben zur Priorität machen kann. Ich entschuldige mich nur noch ganz selten dafür, mich lange nicht gemeldet zu haben (der Impuls ist oft noch da, aber es wird besser). Und das kann ich nur jedem Menschen wärmstens empfehlen!

Denn es ist nicht deine Schuld, dass du andere Prioritäten setzt, sondern vielmehr dein gutes Recht. Schließlich ist es dein Leben.

Und dadurch, dass wir aufhören, uns ständig zu entschuldigen für etwas, was ganz normal ist, fühlen wir uns auch immer weniger schuldig. Indem wir akzeptieren, dass wir nur begrenzte Ressourcen haben, können wir dem Ganzen den Druck nehmen.

Zumindest geht es mir so: Indem ich mich dem widmete, was meine Aufmerksamkeit brauchte – mir, meiner Seele – und allem anderen weniger Priorität einräumte, begann ich, begann meine Seele zu heilen. Jetzt sind wir zu so einem guten Team geworden, so stark verbunden, dass sie meine Aufmerksamkeit nicht mehr so lautstark einfordern muss. Sie muss sich keine Sorgen mehr machen, nicht gehört zu werden. Wir halten so oft Rücksprache, dass sie mir endlich wieder vertrauen kann.

Und deshalb kann ich meine Energie wieder neu ausrichten, kann wieder mehr in Kontakt mit den lieben Menschen treten, die mir wichtig sind, kann mich in Gesprächen mehr und mehr öffnen (was noch Übung erfordert), kann hier meine Gedanken teilen. Alles in der Hoffnung, dass ich auch anderen Menschen das Gefühl vermitteln, quasi die Erlaubnis erteilen kann, sich guten Gewissens dem zu widmen, was gerade ihre Prioritäten im Leben sind. Zu akzeptieren, dass es so ist, und diesen Umstand da sein zu lassen, mit all den unangenehmen Gefühlen, die er möglicherweise mit sich bringt.

Was antworte ich heute?

Das alles hätte also meine Antwort auf die Frage „Wie geht’s dir?“ sein müssen. Von allen Entwicklungen in der Welt, die mir zusätzliches Kopfzerbrechen bereiten, mal abgesehen.

Das alles arbeitet in mir. Und doch kann ich heute auf einer Ebene sagen, die nicht ganz so tief greift:

Danke, es geht mir gut. Es ist viel los, im Innen wie im Außen, aber im Großen und Ganzen fühle ich mich meistens ziemlich gut und tue mein Bestes, um mich gut um mich zu kümmern. Ich bin sehr zufrieden damit, wie ich mein Leben in den letzten Monaten auf den Kopf gestellt habe, und ich kann voller Stolz sagen, dass ich mich an den meisten Tagen riesig auf den neuen Tag freue, wenn ich morgens aufwache! 🙂

(P.S.: Ein Morgenmuffel bin ich trotzdem… 😉 )

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.